Utopie oder Wirklichkeit? Die Stadt am Fluss in Stuttgart-Ost

Utopie oder Wirklichkeit? Die Stadt am Fluss in Stuttgart-Ost

Was in Stuttgart-Ost schon seit längerem geplant ist, hört sich fast zu schön an, um tatsächlich wahr zu werden: Die Stadt am Fluss - Wohnhäuser für bis zu 7.000 Menschen direkt am Neckarufer und mit Bootsanlegestellen, attraktive Flaniermeilen für Anwohner, Stadtbewohner und Touristen aus aller Welt, neue Büro- und Gewerbeflächen und eventuell sogar eine Verlegung der B 10. Was sich auf den ersten Blick jedoch fast märchenhaft anhört, stößt in der Praxis auf harsche Kritik und viele Hindernisse.

Dass der Neckar zwischen dem Berger Steg und dem Kohlekraftwerk bei Wangen in den kommenden Jahren zum Erlebnisraum gemacht werden soll, steht schon seit Jahrzehnten in der Agenda der Stuttgarter Stadtverwaltung. Die größte Baustelle lautet bis dato jedoch: Wie sollen die Pläne konkret umgesetzt werden? Interessenkonflikte waren von vornherein vorprogrammiert, Streitigkeiten gibt es mittlerweile auf vielen Ebenen. Dementsprechend ging es in den bisherigen Bezirksbeiratssitzungen auch lediglich um erste Visionen statt um detaillierte Pläne.

Neue Visionen für zukünftige Maßnahmen

Die Ingenieurbüros Karajan und Engelsmann-Peters präsentierten nun, gemeinsam mit Rainer Wallisch vom Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung, die Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie. 2017 hatten die Büros den Auftrag erhalten, die Rahmenbedingungen für dieses Projekt zu untersuchen und zusammenzutragen. Konkret ging es um folgende Aspekte und Fragen: Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, um den Neckar in einen Erlebnisraum zu verwandeln? Welche Maßnahmen sind notwendig, um das Gebiet neu bebauen zu können? Was für ein städtebauliches Konzept muss entworfen werden, um einen repräsentativen Gesamtüberblick über das ganze, höchst komplexe Projekt zu bekommen? Ferner ging es bei der Studie auch darum, wie die am Neckar entlanglaufende B 10 ‚aus dem Weg‘ geräumt werden kann.

Eigentumsverhältnisse mit viel Brisanz

Mehr Platz muss für die geplante Stadt am Fluss vor allem aber auf den Gewerbe- und Industriearealen geschaffen werden, auf denen in Zukunft Wohnhäuser stehen sollen. Dieser Teil des Projektes ist zum einem deshalb heikel, weil sich ein Großteil der neu zu bebauenden Fläche nicht vollständig im Besitz der Stadt Stuttgart befindet. Haupteigentümerin dieser Fläche ist vielmehr der Energiekonzern EnBW. Besonders pikant ist daran jedoch wiederum, dass die Landeshauptstadt und der Landesbetrieb zwar in vielen Dingen Partner, aber in einigen Fällen auch erbitterte Prozessgegner sind. Vor Gericht scheint in manchen Punkten die EnBW, in anderen Punkten wieder die Stadt Stuttgart die besseren Karten zu haben. Sobald sich über die heute noch ungeklärten Grundstücksfragen geeinigt wird, müsste als nächster Schritt der von jahrzehntelanger Industrienutzung belastete Bodenuntergrund gründlich saniert werden. Auf dem davon betroffenen Gebiet stehen wiederum Gebäude und Anlagen, die zum Teil noch länger genutzt werden sollen oder denkmalgeschützt sind. So sind zum Beispiel ein altes Kantinengebäude und Trakte der Bauten des Stuttgarter Wasserwerks denkmalgeschützt. Hier gibt es hochkomplexe und zuverlässige Filteranlagen, betont Robin Renner vom Stuttgarter Planungsamt: „Stuttgart hatte schon sauberes Wasser, als in Hamburg noch die Cholera-Epidemie tobte.“ Sollten diese Institutionen also eines Tages abgerissen werden, ist eine heftige Gegenbewegung mehr als vorprogrammiert.

Verlegung einer Bundesstraße

Momentan verhindert die Stadt am Fluss jedoch die Bundesstraße 10. Deshalb haben die Ingenieurbüros Karajan und Engelsmann-Peters theoretische Möglichkeiten zur Verlegung dieser Schnellstraße untersucht. Ihren Ergebnissen zufolge wäre die einfachste Lösung, die derzeitige Streckenführung der B 10 beizubehalten und die Bundesstraße nördlich von der Talstraße aus, also flussabwärts, in einen Tunnel zu verlegen. In diesem Bereich wäre überirdisch somit Platz für neue Wohnungen, während auf die Südseite der Talstraße Gewerbebauten konstruiert werden könnten.

Eine weitaus komplexere und viel teurere Option wäre dagegen, die Straße auf einer Länge von fast zwei Kilometern ab der Abzweigung der B 14 bis hin zum Berger Tunnel in Richtung Stuttgart-Ost zu verlegen. Von der Gesamtstrecke würden dann etwa 1.200 Meter unterirdisch in einem Tunnel verlaufen. Nach Einschätzung der Ingenieurbüros würde der Straßenbau rund 265 Millionen Euro kosten, in denen allerdings die Kosten für Kanäle, Leitungen, Grunderwerb und Erschließung der Wohngebiete nicht enthalten wären. Bei diesem Konzept würden südlich der Talstraße, auf rund 70.000 Quadratmetern, vor allem Gewerbe- und Büroflächen gebaut werden, während Wohnungen nördlich der Straße auf circa 212.000 Quadratmeter angesiedelt werden könnten. Bei dieser Planung gäbe es zudem auch Platz für eine ‚Neckarpromenade‘, die von Fußgängern und Radfahrern genutzt werden könnte. Ein Steg würde die beiden Ufer miteinander verbinden, so der Plan der sehr viel komplexeren Variante.

Politischer Zuspruch

Ein weiterer Streitpunkt des Projektes ist das Wasserwerk am nördlichen Rand der neu zu ordnenden Gewerbefläche. Dort wäre eigentlich guter Platz für den neuen Betriebshof der Stadtwerke, die einen Standort suchen. Die Gebäude der Stadtwerke könnten zugleich die zukünftigen Wohnbauten gegen den Lärm des Cannstatter Wasens abschirmen, der auf der anderen Neckarseite liegt. „Die Nutzung durch die Stadtwerke steht der Vision von der Stadt am Fluss nicht im Wege“, äußerte sich dazu Robin Renner vom Stuttgarter Stadtplanungsamt. Allerdings werden die Pläne rund um das Wasserwerk auch skeptisch gesehen. CDU-Politiker Alexander Kotz würde dort zum Beispiel lieber eine Philharmonie sehen, die auch für die Menschen der Region gut erreichbar wäre. Die Grünen wiederum sprachen sich gegen eine Konzerthalle auf dem Gelände aus, aber befürworten das „große Entwicklungspotenzial“ des Projektes. Während sich auch die meisten Politiker dafür einsetzen, die Planung für die Stadt am Fluss fortzusetzen und weiter voranzutreiben, kritisierte Luigi Pantisano von der Partei SÖS/Linke/Plus die bisherigen Planungen in ihrem Grundgerüst. Es wären immer noch viel zu viele breite Straßen für den Verkehr vorgesehen. Dadurch fehle es auch an einer Vision für die Stadt.

Wenn die B 10 jedoch ,,zu einer Art Wohnstraße heruntergestuft werden würde’’, kontert Baubürgermeister Peter Pätzold von den Grünen auf solche Aussagen, „würde es in Stuttgart sehr ruhig werden.“ Peter Pätzold verweist auch regelmäßig darauf, dass auf die Machbarkeitsstudie ein städtebaulicher Wettbewerb folgen soll. Anfang 2020 möchte die Stadtverwaltung diesen Wettbewerb starten und dabei auch klären, wie und wo die Stadtwerke Stuttgart Netze – ein Beteiligungsunternehmen von Stadt und EnBW – einen neuen Sitz für Werkstätten und Verwaltung bekommen könnten. Den Steg über den Neckar, der eine neue Wasenquerung vom Baugebiet Neckarpark zum Neckar verlängert und einen Weg bis zur Villa Berg erschließt, möchte die Verwaltung bis 2024 fertig gestellt haben. Baubürgermeister Peter Pätzold betont jedoch immer wieder, dass der Terminplan für die Gesamtentwicklung zusammen mit der EnBW aufgestellt werden müsse, denn schließlich ist diese Haupteigentümer und Hauptnutzer des Geländes, das neu genutzt werden soll. Auf diesem steht auch ein Gaswerk, das mindestens bis zum Jahre 2025 genutzt werden soll, sowie ein Gaskessel, den die Stadt Stuttgart selbst als Denkmal erhalten möchte.

Ein Bauprojekt am Puls der Zeit

Dass es die Stadt am Fluss in Stuttgart-Ost eines Tages tatsächlich geben wird, wäre jedoch eigentlich nur die logische Konsequenz aus der demographischen Entwicklung des Landes. Denn in den letzten Jahren hat sich das Verhältnis zum Fluss grundlegend geändert: Der Neckar ist als Teil der Stadtlandschaft im Bewusstsein der Menschen angekommen, nachdem die Stuttgarter und Stuttgarterinnen ihm lange Zeit nur wenig Interesse entgegengebracht haben: Mit der Industrialisierung ab dem 19. Jahrhundert wuchsen die Siedlungen, Fabriken und Arbeiterquartiere. Und als Konsequenz wurden Gewerbeflächen, Straßen und Schienen bis direkt an den Neckar gebaut. Im 20. Jahrhundert wurde der Neckar dann als Abwasserkanal genutzt und zur Schifffahrtsstraße ausgebaut. Natürliche Lebensräume und Feuchtwiesen gingen verloren und das Neckarufer war und ist bis heute an vielen Stellen gar nicht zugänglich. Heute jedoch wünscht sich Stuttgarts Bevölkerung mehr als jemals zuvor eine grüne Stadt mit attraktiven Plätzen in der unmittelbaren Umgebung.

Fazit
Ganz klar ist: Ein städtebaulicher Wettbewerb muss her. Was noch dringend der Klärung bedarf: Die Eigentumsverhältnisse in Stuttgart-Ost müssen geordnet werden. Weitere große Herausforderungen für den tatsächlichen Bau der Stadt am Fluss bleiben zudem, wie in der Zukunft mit den geologischen Gegebenheiten, Wasser- und Denkmalschutz umgegangen wird.

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